"Viele Religionen und Kulturen kennen Patenschaften für Kinder bekannter oder verwandter Eltern. In den christlichen Kirchen haben sich die Funktionen von Patin und/ oder Pate zur Taufe und zur Firmung etabliert: Sie sollen die Aufnahme des Menschen in die christliche Gemeinschaft bezeugen und – so jedenfalls die Tradition – die religiöse Erziehung des Kindes fördern und begleiten.
Ähnliches gibt es in vielen anderen Kulturen für den Zeitraum, wenn der Junge oder das Mädchen sich der körperlichen Reife nähern. Im 3.Kapitel habe ich ausführlich geschildert, welche Aufgabe solche Patinnen oder Lehrerinnen haben. Sie weisen das Mädchen bei der Menarche in die Geheimnisse der weiblichen Welt ein, bereiten es auf die Initiations-Zeremonien vor und lehren ihm die biologischen, sozialen und spirituellen Aspekte des Frauseins in der jeweiligen Gesellschaft.
In unserer Kultur ist diese spezielle Funktion noch unbesetzt, der Platz der Mondpatin für heranwachsende Mädchen noch leer. Das ist schade, denn eine solche Patin könnte auch bei uns sehr wichtige soziale Aufgaben übernehmen:
1 als unabhängige Beraterin und Begleiterin, die nicht mit dem Mädchen im „Mutter-Clinch“ liegt und deshalb eine unbefangenere Kommunikation anbieten kann
2 als Vertrauensfrau, an die sich die Heranwachsende wenden kann, wenn sie eine ausserfamiliäre Ansprechpartnerin für ihre Probleme und Gefühle braucht
3 als weise Frau, die das Mädchen in die Geheimnisse der weiblichen Lebensrhythmen, des weiblichen Selbstbewusstseins, weiblicher Fähigkeiten und Besonderheiten einweiht
4 als Informantin der Jugendlichen, die ihr hilft, Fragen zu Biologie, Anatomie, Sexualität und Menstruationshygiene sachlich und ohne familiäre Hemmschwelle zu klären
5 Als weibliches Rollenvorbild, das die Jugendliche leichter als das mütterliche akzeptiert und das ihr helfen kann, ein positives Selbstwertgefühl zu entwickeln
6 Als Vermittlerin zwischen den Erziehungsberechtigten und dem Mädchen, wenn es Probleme zu lösen gibt
7 Als Patin beim Mondfest zur Menarche
Eine solche Frau im eigenen Umfeld zu finden ist meistens gar nicht so schwer. Es kann die Schwester der Mutter oder des Vaters sein, zu der das Mädchen immer schon eine besonders enge Beziehung hatte, die Tauf- oder Firmpatin, eine gute Freundin der Familie, die Lebensgefährtin oder Wohngenossin der Mutter oder die Mutter einer Schulkameradin, mit der die Heranwachsende sich gut versteht. Es kann auch eine Lehrerin sein, die das Mädchen besonders mag, eine Kollegin auf deren Besuch es sich immer freut, eine Ärztin zu der es großes Vertrauen hat, eine Musik, Tanz- oder Sportpädagogin, deren Unterricht es besonders gern besucht, und so weiter." Text aus „Der Mondring“ Autorin: Margaret Minker dtv-Ratgeber Seite 195-197
Viele Mütter teilen mir in Seminaren und Beratungen mit, dass sie ihren Töchtern eine andere Heranführung an das Frausein wünschen, als sie sie erfahren haben. Eine Heranführung jenseits des Aufklärungsunterrichts in der Schule und durch Medien.
Sie sehnen sich nach Wegen, ihre Weiblichkeit im Rahmen des Menschseins zu erkennen und zu leben. Wenn sie beginnen, die Kraft der Lebenszyklen zu begreifen, möchten sie dieses ihren Kindern auch weitergeben.
Hierzu hat Margaret Minker das herausragendes Buch "Der Mondring" geschrieben. Es ist zur Zeit vergriffen, jedoch in Leihbibliotheken und Antiquariaten immer wieder zu finden.
Was mir besonders gefällt, ist ihre Empfehlung, wie in manchen Naturvölkern selbstverständlich, die Menarche, die erste Menstruation und damit den Eintritt in die Welt der Weiblichkeit, zu feiern.
Ich kenne Mädchen, die sich eine Party gewünscht und zum Teil sogar selbst ausgerichtet haben. Es gab rote Tücher, rote Blumen und Kerzen; Freundinnen wurden mit rotem Saft empfangen, Märchen mit weiblichen Heldinnen wurden vorgelesen.
Den meisten Mädchen unserer Kultur wäre eine Party zur Menarche jedoch nur ein Graus. „Peinlich." Jedoch für jedes Mädchen lässt sich eine Art der Wertschätzung des besonderen Tages finden. Das kann und muss oft, weil die Mädchen es so wünschen, in einem sehr intimen Rahmen sein. Es kann ein Fingerring sein, den das Mädchen speziell zur Menarche, geschenkt bekommt. „Mondring“ heißt dieser bei Margaret Minker, weil sie eben unter anderem empfiehlt, dem Mädchen als Symbol für das weibliche, zyklische Leben einen Mondring zu schenken. Niemand außer dem Mädchen und der oder des Schenkenden muss von der Bedeutung des Ringes erfahren, wenn das Mädchen es nicht möchte. Wichtig ist die erfahrene Anteilnahme, das sich wahrgenommen und erkannt fühlen von den Menschen, die dem Mädchen am nächsten stehen.
Vater oder Mutter können der Tochter auch einfach eine Blume schenken, mit ihr einen besonderen Café Besuch machen, zusammen ein besonderes Menü kochen. Minker hat noch viele Ideen niedergeschrieben.
In einem Seminar über weibliche Zyklen sprach ich mit den Teilnehmerinnen über Mondpatinnen und die Zeit, in der pubertierende Mädchen gerade ihren Müttern nicht mehr alles anvertrauen oder sogar mit ihnen im Clinch liegen.
Eine Frau, die mit ihrer ebenfalls erwachsenen Schwester unter einem Dach wohnt- eine Familie oben, die andere unten- berichtete: `Wir haben beide pubertierende Töchter im gleichen Alter. Vor einiger Zeit kam meine Nichte wutentbrannt zu mir in die Küche herunter gelaufen: „Mama ist unmöglich, mit der kann man nicht reden. Kann ich bei Dir einziehen? Mit dir kann ich immer so toll reden. “Noch in der gleichen Woche geschah fast das gleiche, nur dieses Mal lief meine Tochter nach oben zu meiner Schwester: „ mit der kann man nicht reden aber mit dir“.`
Ein gutes Beispiel für die Wichtigkeit von Mondpatinnen.
Auch Jungen brauchen natürlich Rituale und Begleitung auf ihrem Weg in die Männlichkeit. Dazu werden wir hier auch noch schreiben.