Vom Diana-Gürtel zur Hela

Rätselhafte Vergangenheit
Wir Mädchen und Frauen menstruieren, seit es uns Menschen gibt. Dass es nur wenig Zeugnisse über den ganz frühen Umgang mit der Monatsblutung gibt, dürfte zum einen an der fast ausschließlich männlichen Geschichtsschreibung liegen, die dem Thema aus der eigenen Perspektive wenig Bedeutung beigemessen hat. Der zweite Aspekt ist das jahrtausendealte Tabu um das Thema Menstruation, zu dem sich Ursprünge in der Antike finden lassen und das bis heute wirkt…

Improvisierte Tampons mit FellAnzeige in einem Katalog

Vergrößern Anzeige in einem Katalog der Fa. Thaysia, 1933, „Hygieneartikel zur Intimpflege“
Sabine Zinn-Thomas: Menstruation. Monatshygiene im Wandel von 1900 bis heute. Ausstellungskatalog. Darmstadt 1998. S. 49

Strickbinden

Bild 1 ca. 1948/1950
Sabine Zinn-Thomas/Walter Stolle: Menstruation. Monatshygiene im Wandel von 1900 bis heute. Ausstellungskatalog. Darmstadt 1998. S. 63

Diana-Gürtel

Bild 3 Sabine Zinn-Thomas: Menstruation. Monatshygiene im Wandel von 1900 bis heute. Ausstellungskatalog. Darmstadt 1998. S. 29 „Preisliste der Fa. Teufel, Stuttgart 1911“
Diana-Gürtel No.1. Eingetragenes Warenzeichen. – D. R. Musterschutz. – Elegante Einzelverpackung. – Vorderteil „Odysseus“-Stoff, poröser Stoff von größter Haltbarkeit, oder grau Moleskin. Leibgürtel 1a. Zwirngurte mit elastischem Gummigurteinsatz. Pelotte aus feinfein Gummituch mit Holzwollwattekissen.

Camelia Werbeschild

Bild 4 Werbeschild für Camelia-Binden 1936/37
Sabine Zinn-Thomas/Walter Stolle: Menstruation. Monatshygiene im Wandel von 1900 bis heute. Ausstellungskatalog. Darmstadt 1998. S. 59

Camelia-Verpackung

Bild 5 Warenverpackung 1030er
Sabine Zinn-Thomas/Walter Stolle: Menstruation. Monatshygiene im Wandel von 1900 bis heute. Ausstellungskatalog. Darmstadt 1998. S. 62

 

Die erste Tamponwerbung im deutschen Fernsehen

Tass-ette, der erste Cup

Bild 6 Der erste Cup – Anzeige
Quelle

Levantiner von Kulmine

Levantiner Schwamm von Kulmine

 

Text: Larissa Zücker

Vielen herzlichen Dank für diese wundervolle Arbeit! Das Kulmine-Team

Hering, Sabine/Maierhof, Gudrun: Die unpässliche Frau. Sozialgeschichte der Menstruation und Hygiene. Frankfurt a.M. 2002.

Knauß, Louise: Menstruationshygiene. Zur Bedeutung von Hygieneartikeln bei der Internalisierung von Sauberkeitsnormen 1920-2006. Saarbrücken 2008.

Schlehe, Judith: Das Blut der fremden Frauen. Menstruation in der anderen und in der eigenen Kultur. Frankfurt a.M./New York 1987.

Zinn-Thomas, Sabine/Stolle, Walter: Menstruation. Monatshygiene im Wandel von 1900 bis heute. Ausstellungskatalog. Darmstadt 1998.

[1] Hering, Sabine/Maierhof, Gudrun: Die unpäßliche Frau. Sozialgeschichte der Menstruation und Hygiene. Frankfurt a.M., S. 82.
[2] http://www.ikw.org/fileadmin/content/downloads/IKW-Allgemein/IKW_EDANA-Tampon-Dossier-deutsch-051206.pdf
[3] http://www.ikw.org/fileadmin/content/downloads/IKW-Allgemein/IKW_C-Infodienst-Frauenhygieneprodukte.pdf
[4] Zinn-Thomas, Sabine/Stolle, Walter: Monatshygiene im Wandel von 1900 bis heute. Darmstadt 1998, S. 38.
[5] Vgl. Hering/Maierhof 2002, S. 66.
[6] Vgl. ebd., S. 77ff.
[7] Vgl. ebd., S. 78.
[8] 60 Jahre Camelia, Hrsg.: Vereinigte Papierwerke AG, Nürnberg o.J., S. 9ff. zitiert nach Hering/Maierhof 2002, S. 79.
[9] http://www.ikw.org/fileadmin/content/downloads/IKW-Allgemein/IKW_C-Infodienst-Frauenhygieneprodukte.pdf
[10] http://www.welt.de/gesundheit/article133622111/Das-kann-der-Silikon-Ersatz-fuer-den-Tampon.html
[11] Vgl. Zinn-Thomas/Stolle 1998, S. 41.
[12] Ebd., S. 45.
[13] Knauß, Louise: Menstruationshygiene: zur Bedeutung von Hygieneartikeln bei der Internalisierung von Sauberkeitsnormen 1920-2006. Saarbrücken 2008, S. 37f.
[14] http://www.ikw.org/fileadmin/content/downloads/IKW-Allgemein/IKW_C-Infodienst-Frauenhygieneprodukte.pdf

Gerüchte

Gerüchte um toxisches Menstruationsblut und angeblich schädlicher Einfluss menstruierender Frauen auf Ernte, Nahrungsmittel oder Männer finden sich bei Aristoteles und in der Bibel und halten sich bis weit ins 20. Jahrhundert in Deutschland. Wissenschaftlich endgültig widerlegt wurden sie erst 1958 [1]. Die wenigen Zeugnisse, die es gibt, weisen darauf hin, dass schon in frühesten Zeiten Materialien wie Bast, Gras oder Fell verwendet wurden, um das Blut aufzufangen. Frauen im alten Ägypten sollen weiche Papyrusblätter nicht nur als Einlagen verwendet, sondern auch gerollt in den Körper eingeführt haben, um das Blut dort aufzufangen. [2] Im alten Griechenland dienten nach Überlieferung des Arztes Hippokrates in Leinen gewickelte Holzstücke dem gleichen Zweck. [3]

Freie Menstruation im Mittelalter

Im Mittelalter war es nicht üblich, Unterwäsche zu tragen. Frauen konnten daher keine Einlagen verwenden und ließen ihr Blut einfach ablaufen. Dies hielt sich bei der Landbevölkerung bis ins 19. Jahrhundert. Später nutzten Frauen vor allem selbst genähte Binden aus Stoffresten, wie alten Hemden und Hosen, oder auch Strickbinden. [Bild 1] Sie wurden oftmals gemeinsam von menstruierenden weiblichen Familienmitgliedern verwendet. [4] Mit Knöpfen versehen konnten die Binden an einen Gürtel oder in eine spezielle Menstruationshose geknüpft werden. Ärztliche Hygieneanweisungen aus dieser Zeit sind widersprüchlich: Während die einen empfahlen, Binden während der gesamten Menstruation nicht zu wechseln, rieten andere zu mehrmals täglichen Waschungen inklusive Scheidenspülungen. [5] Durch das sichtbare Abfließen lassen des Blutes oder das Auswaschen blutiger Binden auf öffentlichen Waschplätzen war es lange Zeit offensichtlich, wann eine Frau menstruierte – was ihre Diskriminierung in dieser Zeit erleichterte. Dies änderte sich mit dem Übergang zum 20. Jahrhundert.

Moderne Menstruationshygiene im 20. Jahrhundert

Am Ende des 19 Jahrhunderts kam zunächst der Diana-Gürtel mit waschbarer Einlage auf den Markt, der sich vor allem an Frauen der Oberschicht oder Tänzerinnen und Schauspielerinnen richtete, da er eine höhere Beweglichkeit versprach.[Bild 3] Zeitgleich gab es die erste Einweg-Binde, die Mulpa Damenbinde, zu kaufen. 
Die darauffolgenden ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts veränderten die deutsche Gesellschaft. Emanzipationsbestrebungen führten nicht nur zum Frauenwahlrecht und mehr weiblicher Teilhabe am öffentlichen wie auch am Arbeitsleben. Vertreterinnen der Frauenbewegung widersprachen auch vehement dem bis dato propagierten krankhaften Zustand menstruierender Frauen [6].

Von diesen Entwicklungen profitierte die Camelia-Binde, die 1926 von den Vereinigten Papierwerken Nürnberg entwickelt wurde. [Bild 4] Sie wurde ein durchschlagender Erfolg, versprach sie doch den Frauen die Möglichkeit der neuen Freiheit am Arbeitsplatz, auf dem Fahrrad und in modernen, enggeschnittenen Hosen und Kostümen von der Stange auch während der Periode. [7] Gleichzeitig kündigt sich hier schon eine Kehrseite der neuen Freiheit an: die Pflicht zur Diskretion. Die Camelia wurde, wie schon Strickbinden, ausschließlich über den Textilhandel vertrieben, der den Frauen folgendes Verfahren anbot: „Die Händler erhielten mit den bestellten Camelia-Binden weißes zugeschnittenes Papier, um die blauen Schachteln diskret verpacken zu können. Für die Käuferinnen selbst gab es Zettel mit der Aufschrift: „Bitte geben Sie mir eine diskret verpackte Camelia-Schachtel.“ [Bild 5] [8]

Mehr Diskretion durch Tampons

Diskretion versprach auch eine andere Entwicklung: In den 1930er Jahren entwickelte der US-amerikanische Hausarzt Earle Haas den ersten Tampon. Vorbild dafür war angeblich die Erzählung einer Freundin, die saugfähige Seeschwämme während ihrer Blutung einführte. Haas band Baumwollkompressen zusammen und versah sie mit einem Rückholbändchen. Das Patent für diese Idee kaufte ihm 1933 die deutschstämmige Gertrude Tenderich ab, gründete die Firma Tampax und begann die Tamponproduktion an der heimischen Nähmaschine. Bekannt gemacht wurde das neue Produkt 1936 mit der Werbung in einer großen amerikanischen Zeitung. Ab 1938 wurden die Tampons in Großbritannien vertrieben. Im Jahr 1950 waren sie auch in Deutschland zu erwerben. Tampax vertrieb seine Tampons mit Applikator. Der erste per Hand einzuführende Tampon, o.b. – ohne Binde – entwickelt von Carl Hahn, war ebenfalls ab 1950 zu erwerben. [9]

Wir von Kulmine haben von verschiedenen „Gründungsmythen“ der Tampons gehört, wie zum Beispiel von Krankschwestern im Lazarett, die Watte täglich bei den Soldaten zur Stillung von Blutungen einsetzten und dieses System für sich zu übertragen wussten. Wir freuen uns, wenn noch jemand dazu Quellen oder noch andere sachdienliche Hinweise ;-) beitragen kann. Mit Ihrer Hilfe werden wir diese Anmerkung dann zeitnah aktualisieren können!

Später Durchbruch für die Kappe

In die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts fällt auch die Geburtsstunde eines anderen Produkts, das jedoch etwas länger auf seinen Erfolg warten musste. Die US-Amerikanerin Leona Chalmers, Schauspielerin und Sängerin, meldete in den 1930er Jahren ein Patent auf einen kleinen Kelch aus vulkanisiertem Gummi – die erste Menstruationstasse – an. [Bild 6] [10]

Vom Mangel zur Vielfalt

Nachdem während des zweiten Weltkriegs wegen Rohstoffmangels Frauen wieder vermehrt auf selbstgemachte Stoff- und Strickbinden zurückgreifen mussten oder beim Kauf von Einwegbinden Altpapier im Tausch abgeben mussten, nahm die Produktion in der BRD nach Kriegsende wieder an Fahrt auf.
In der DDR dauerte der Anlauf der Produktion etwas länger. Bis 1954 konnte man noch die Binden aus westdeutscher Produktion kaufen, danach nur noch DDR-Produkte [11], die oft Mangelware waren. Die populärsten Binden waren die Marken „Alba Zell“ und „Rosa“. Zwei Firmen stellten Tampons her. [12]

In der BRD vervielfältigte sich ab den 1970ern für Frauen das Angebot: 1973 erschien mit der Camelia 2000 die erste Binde mit Haftstreifen, ab 1972 gab es Tampons in der Größe mini und 1976 auch eine mini-Camelia-Binde. Dies soll im Zusammenhang mit der Einführung der Anti-Babypille und davon ausgelösten schwächeren Blutungen stehen. Anfang der 1980er Jahre wurde die ersten parfümierte Binde vertrieben und ab 1986 spezielle Nachtbinden. Weitere Entwicklungen waren Binden für Tangas und schwarze Einlagen für dunkle Unterwäsche. [13]
Außerdem waren ab Ende der siebziger Jahre Slipeinlagen erhältlich. Schnell entwickelten sie sich zu einer stark nachgefragten Hygieneware – rund 40 Prozent aller Frauen benutzen heute Slipeinlagen als täglichen Wäscheschutz. [14]

Aber auch andere, schon lange bekannte Produkte bereicherten wieder verstärkt den Markt der Menstruationshygiene. Mit der Frauen- und Umweltschutzbewegung wurden in den 1980ern sowohl Naturschwämme [Bild 7] populärer als auch Menstruationstassen, die mittlerweile aus medizinischem Silikon gefertigt wurden. Schon seit 1993 gibt es auch Kulmines, die damals noch Die Vivas hießen. Damals machte Kulmine Stoffbinden vor allem in den deutschsprachigen Ländern wieder marktfähig und fand seitdem viele Nachahmer.

Der Markt der Möglichkeiten

Die Geschichte unserer Menstruationsprodukte zeigt den Einfluss, den gesellschaftliche Entwicklungen auf die Produkte hatten und haben, aber auch, wie Produkte das Leben von Frauen und damit auch die Gesellschaft verändern. Mit der Entwicklung moderner, kleiner Einwegprodukte war eine freiheitlichere Alltagsgestaltung und gleichberechtigtere Teilhabe am Arbeitsleben möglich. Damit stieg aber auch der Druck auf Frauen, diskreter zu menstruieren, d.h. zum einen etwaige Beschwerden nicht zu äußern, aber auch unsichtbar und unriechbar zu bluten, wovon parfümierte Binden zeugen.
Die heute wieder populärer werdenden Alternativen zu Einwegartikeln – Stoffbinden, Menstruationscups und Schwämmchen – haben, wie oben zu lesen ist, eine lange Tradition. Gleichzeitig stehen sie auch für einen bewussteren, offeneren Umgang mit der eigenen Blutung, weil das Blut auf dem Stoff oder im Cup nicht nur sichtbarer ist, sondern auch ausgewaschen werden muss. Dieser bewusste Umgang mit der eigenen Blutung ist für viele Frauen neben Umweltschutz und Nachhaltigkeit ein ebenso wichtiger Grund für die Nutzung von alternativen Menstruationsprodukten.
Auch das Thema der freien Menstruation wurde im letzten Jahr schließlich wieder einer breiteren Öffentlichkeit bekannt durch Kiran Gandhi, die während ihrer freien Menstruation einen Marathon lief.

Der Markt der Menstruationsprodukte in Deutschland ist heute breit gefächert und bunt bestückt. Frauen und Mädchen haben die Wahl zwischen Einweg- und Mehrwegprodukten, zwischen Produkten aller Preisklassen und verschiedener Materialien. Mit ihrer Wahl treffen sie auch eine Entscheidung über ihren Umgang mit ihrer Menstruation und ihrer Umwelt. Dass diese Entscheidungsfreiheit nicht weltweit gegeben ist, darauf weist der weltweite Menstruationshygiene-Tag hin, den es seit 2014 gibt. Aber auch in Deutschland gibt es Frauen, die aufgrund großer Armut und fehlenden Möglichkeiten, z. B. durch Wohnungslosigkeit oder durch strenge, stark von alten Tabus geprägten Lebensumfeldern keine freie Wahl haben.

 

 

Entwicklung bei Kulmine

Insbesondere bei Kulmine ist die Zeit nicht stehen geblieben. Laufend und oft in Zusammenarbeit mit Kundinnen werden passende Produkte für bestimmte Bedürfnisse entwickelt, so dass bis heute ein breites Sortiment entstanden ist – aus verschiedenen Formen und Farben, mit oder ohne Knöpfe und von der Tangaeinlage  bis zur Wochenbettbinde.
Das Modell
„Hela“ – die Faltbinde mit Steg – ist im Rahmen der MHDays 2016 zum Nachschneidern freigegeben und die Anleitung als Freebook zum Download bereitgestellt.