Philosophie

In letzter Zeit wird Kulmine immer wieder von Blogs zu Interviews angefragt. Die folgenden sind so inspirierende Fragen gewesen, dass wir sie hier gerne in Gänze wiedergeben. Interview mit › Krachbumm und mit › Finding Sustainia.

 

 

Let’s talk about… nachhaltige Frauenhygiene

Ein Interview mit Santa von Finding Sustainia | Januar 2016

Santa: Es gibt viele Gründe, sich mit Alternativen zu Wegwerfbinden und Tampons zu beschäftigen. Nachhaltigkeit ist einer davon. Die Produktion kostet viele viele Ressourcen und die Entsorgung von Tampons und Binden führt zu mehr Müll als man bzw. frau so annimmt. Ein anderer Grund ist, dass wir gerade ein Tabu brechen, denn es ist einfacher über Sex zu sprechen als über Menstruation. That just can’t be possible!

Warum Menstruationstassen, -schwämmchen und Stoffbinden nun wirklich besser für Umwelt und Gesundheit sind als konventionelle Hygienieprodukte erfahren wir heute von Petra, der Gründerin des Online-Shops Kulmine. Petra geht einen beeindruckenden Weg und es hat uns große Freude bereitet, mit ihr zu korrespondieren.

Santa: Liebe Petra, ich gebe zu, dass ich mich schon lange und besonders auf dieses Interview mit dir freue. Ich merke, dass ich es hier mit einer richtigen Powerfrau mit Hintergrund zu tun habe. Erzählst du uns ein bisschen über dich und wie du dazu kommst, alternative Frauenhygiene bei Kulmine anzubieten?

Santa, ich erfreue mich an deinen Fragen und dem Kontakt mit dir. Die gesamte Sache, Petra und alternative Frauenhygiene, ist vielschichtig. Einer der Gründe ist, dass ich schon immer selbstständig arbeiten wollte und das mit Menschen, die das auch können. So war ich vor den Kulmines viele Jahre lang als Seminarleiterin unterwegs und leitete zwei Seminarhäuser. Ein anderer Grund ist sicher, dass meine Eltern Schrotthändler waren und später als eine der Ersten in ungewöhnlicher Art und Weise mit gebrauchten Möbel und Kleidung handelten. Damals sprach man noch nicht von dem ökologischen Aspekt, doch die Familie betrat Neuland. Besonders mein Vater lebte unkonventionell und Grenzen hinausschiebend. So eine Vergangenheit brauchte ich wahrscheinlich, um vor über 20 Jahren, ohne das Internet zur Verfügung zu haben, ein tabuisiertes Produkt auf den Markt zu bringen, für das Offenheit und Nachfrage erst geschaffen werden musste.

Noch ein anderer Grund, dass ich sofort ,Ja‘ rief, als mir die Idee über den Weg lief, war mein Interesse an Frauengesundheit, Emanzipation und meine Tätigkeit als Heilende und Seminarleiterin für Frauenseminare. Unter anderem ging es zu der Zeit des Startups um die Stärkung der weiblichen Organe und der Weiblichkeit. Wir beschäftigten uns mit der Enttabuisierung der Monatsblutung und arbeiten bis heute an der Anerkennung des Wunders, welches wir im weiblichen Zyklen sehen und erleben.

Ich leitete noch viele Seminare, bevor Stoffbinden auf mich zukamen. Sie kamen zu einer Zeit, in der ich eine Pause von der Heil- und Seminartätigkeit machte. Aus den USA wurden uns Stoffbinden mitgebracht und eine sehr mutige Freundin und ich wussten sofort: Das ist es! Glücklicherweise wussten wir nicht, wie schwierig und kostspielig es werden würde.

Santa: Ja, manchmal ist es wirklich ein Glück, nicht vorher alle Strapazen zu kennen. Anna und ich wissen nur zu gut Bescheid. Wie ging es weiter?

Lange Zeit war die Vermarktung dieser ökologisch und gesundheitlich wertvollen Produkte wirtschaftlich eigentlich nicht vertretbar, sondern wurde einzig getragen von unserer Leidenschaft für das Thema. Und glücklicherweise bin ich mit viel Mut und Energie gesegnet und immer wieder auf Menschen getroffen, die Kulmine materiell und ideell unterstützt haben und das noch immer tun.

Santa: Es war sicher nicht leicht, sich in so einen tabuisierten Bereich vorzuwagen. Ich bin auch selbst über mich erstaunt, was für schulmädchenhafte Reaktionen ich erst einmal zu dem Thema Frauenhygiene empfand, während das Thema Stoffwindeln sich dabei absolut etabliert hat. Mir geht es nicht alleine so und umso wichtiger ist es, dass wir auch über ökologische Alternativen in dem Tabu-Thema Frauenhygiene sprechen. Warum waschbare Binden oder Menstruationstassen?

Es gibt eine große Vielfalt von Gründen für wiederverwendbare Mensprodukte und es kann gut sein, dass sich eine Frau von einem der Punkte mehr angesprochen fühlt, als von einem der anderen:
Alternative Mensprodukte sind hautverträglich und komfortabel. Das heißt, dass Kulmines sich wunderbar weich an die Vulvina anschmiegen (Vulvina ist eine Wortneuschöpfung von Ella Berlin, für die Vulva und Vagina, welche wir von Kulmine begeistert in unseren Wortschatz aufgenommen haben). Und auch bei Menstruationstassen und Schwämmchen berichten Frauen von höherem Komfort, bzw. werden diese Produkte oft gar nicht mehr gespürt. Damit sind alle Alternativen auch Optionen für Frauen, die Probleme mit Hautreaktionen, Jucken und Trockenheit oder wiederkehrenden Infektionen haben.
Die Produkte sind nachhaltig und im Fall von Kulmine-Stoffbinden auch ökologisch. Durch die lange Haltbarkeit der Produkte sind sie umweltfreundlich und dazu sparsam. Kulmines sind fair hergestellt und tragen damit zu einem respektvollen Miteinander bei.
Kulmine Produkte sind zudem wertschätzend und liebevoll – sie bieten die Möglichkeit den Frauenkörper jenseits von fremdbestimmten Tabus wieder zu entdecken.
Und zu all diesen Punkten sind wiederverwendbare Produkte auch noch sicher und praktisch – oft überraschen sie in ihrer hohen Aufnahmefähigkeit. Eine Lunette muss meist deutlich seltener gewechselt werden als ein Tampon und auch bei Kulmines zeigen sich die Anwenderinnen immer wieder begeistert von der hohen Saugkraft.

Santa: Gesundheitlich macht das absolut Sinn, aber ist dieses „bisschen“ Wegwerfdamenhygiene wirklich eine Belastung für unsere Umwelt?

Dieses Bisschen summiert sich im Laufe eines Frauenlebens tatsächlich zu beeindruckenden Mengen (man spricht von bis zu 10.000 Tampons, Binden und Slipeinlagen pro Frau). Das kann jede Frau auch für sich ausrechnen, wenn sie einen Monat lang eine Liste führt, wie viele Wegwerfprodukte sie genutzt hat und dann kann sie das auf das Jahr hochrechnen und schauen wie viele Jahre ungefähr bis zu den Wechseljahren noch bevor stehen. Wobei es dann nicht aufhört; viele Frauen und Männer benutzen Slipeinlagen bis ins hohe Alter!
Wer mag, kann dabei auch gleich noch ausrechnen, wie viel Geld dann für etwas ausgegeben wurde, das nur weggeworfen wird. Da kann es passieren, dass die Preise der Kulmines oder einer Lunette (beide halten rund 10 Jahre) in einem ganz anderen Licht erscheinen – meist sind nach zwei Jahren die ursprünglichen Kosten ausgeglichen.

Dazu kommen noch die Herstellungsprozesse der konventionellen Produkte, in denen viele Rohstoffe und Wasser verbraucht werden. Nach einer Anfrage bei einem Abfallunternehmen erfuhren wir, dass die meisten Menstruationsprodukte in Deutschland verbrannt werden – würden sie es nicht, bräuchten alle Produkte mit Plastik ähnlich lange wie Wegwerfwindeln, um sich zu zersetzen (an die 450 Jahre – und dann sind sie nur zersetzt im Sinne von nicht mehr sichtbar – die Rohstoffe bleiben jedoch dem Nährstoffkreislauf entzogen und sind weiterhin Fremdkörper). Ein besonders großes Problem sind Tampons (oder sogar Binden und Slipeinlagen), welche in die Toilette geworfen werden. Da sie sich nicht (im Gegensatz zu Toilettenpapier) im Wasser auflösen, können dadurch Rohrleitungen in der Kanalisation oder sogar Pumpen im Klärwerk verstopfen, die dann aufwändig gereinigt werden müssen.

Santa: Oje, das klingt scheusslich! Außerdem gefällt mir die Vorstellung nicht mehr, Plastik so nah an mich ranzulassen. Gibt es bei herkömmlichen und auch ökologischen Wegwerf-Varianten wie bei Windeln auch bedenkliche Bestandteile auf Erdölbasis und weiteren Chemikalien, die man lieber nicht so gerne an sich hätte?

Ja, die gibt es auf jeden Fall! Duftstoffe, Bleichrückstände, Absorber und andere Stoffe kommen direkt mit Schleimhäuten in Berührung, wo sie besonders leicht aufgenommen werden. Die bedenklichen Bestandteile werden immer wieder in Tests bestätigt, zum Beispiel bei Ökotest oder hier zu lesen bei Schrot&Korn. Es gibt im Netz viele Informationen dazu. Wir haben beschlossen uns nicht mehr mit den Bestandteilen der Wegwerfprodukte zu beschäftigen, sondern mit den bestmöglichen Alternativen.

 

Santa: Das macht absolut Sinn! Was gibt es denn für waschbare bzw. Mehrwegvarianten in der Damenhygiene?

Frauen können mittlerweile aus einer großen Bandbreite an Produkten wählen: Slipeinlagen und Binden aus Stoff und Menstruationskappen werden mittlerweile in vielen Varianten hergestellt. Kulmine hat sich entschieden die Silikontasse Lunette zu verkaufen, weil wir neben Form und Gebrauch vor allem das Material (medizinisches Silikon) und die Produktion überzeugend finden. Kulmine selbst stellt aus ökologisch weltweit hochwertigster Baumwolle und Seide Binden und Slipeinlagen her – wie bei konventionellen Produkten gibt es Kulmines sowohl ohne als auch mit Flügeln. Zudem zeichnet sich das Angebot von Kulmine durch vielfältige Formen aus. Wie etwa unsere drei verschiedenen Falt-Modelle, bei denen bei Bedarf einfach neue Seiten nach oben gefaltet werden können. Sie entstanden aus unserer jahrelangen Erfahrung und auch nach Ideen von Kundinnen, wie z. B. die “Libelle”, eine Faltvariante mit Druckknöpfen. Die ganze Produktreihe als Miniausgabe wurde von Mädchen gewünscht und mitentwickelt. Des Weiteren gibt es noch Levantiner-Schwämmchen, die eine Alternative bilden, die dem Prinzip von Tampons am nähesten kommt.

Santa: Ich kann nur – diskret gesagt – bestätigen, dass eure angebotenen Alternativen wirklich durch Komfort bestechen. Kannst du uns auch etwas über die Vor- und Nachteile der Schwämmchen berichten und woraus konkret diese hergestellt werden? Bitte auch Tipps zum Handling.

Kulmine Levantiner-Schwämmchen gedeihen umweltfreundlich auf weiten Unterwasserfeldern im Mittelmeer und werden zwei Mal im Jahr schonend geerntet. Bei der Ernte werden Millionen von Samen in das umliegende Wasser freigesetzt, damit neue Schwämme nachwachsen können. Dies macht den Levantiner-Naturschwamm zu einem besonders nachhaltigen reinen Naturprodukt.

Vorteile:
Sie sind im Vergleich zu Kunstschwämmen besonders saugfähig und zudem eine gute Alternative zu Softtampons, die beim Sex benutzt werden können. Kulmine-Schwämmchen unterliegen nach der Ernte außer Auswaschungen nur noch einer Bleichung mit Wasserstoff.

Nachteile:
Sie sind nicht so lange haltbar, wie andere wiederverwendbare Produkte und müssen entsprechend nachgekauft werden. Der Schwamm wächst als lebendiger Organismus und ist damit keine Option für Veganerinnen.

Was man weiter beachten sollte:
Ein Naturschwamm sollte niemals ausgekocht werden, da er sonst hart wird und einschrumpelt. Bei vaginalen Infektionen sollten Sie das Schwämmchen nicht benutzen, bzw. nach der Behandlung ein neues Schwämmchen verwenden. Man sollte es zuerst kalt ausspülen, dann – bei Bedarf – in Essigwasser einlegen oder mit milder Seife auswaschen.

Santa: Sehr interessant. Lunetten kannte ich schon vorher, aber die Option von Schwämmen war mir unbekannt und sie lassen sich wirklich gut anwenden und reinigen. Wie aber lagert man die gebrauchten Binden?

Auch hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, welche von Frauen einfach getestet werden können. Die meisten Frauen lassen die Binden einfach trocknen oder spülen sie vor dem Trocknen einmal kurz durch und geben sie so direkt in die Wäsche. Manche Frauen, welche die Binden trocken aufbewahren, weichen die Binden erst direkt vor der Wäsche ein. Andere Frauen bewahren die Binden in einem Gefäß auf, das mit Wasser gefüllt ist. Dieses Wasser sollte regelmäßig gewechselt werden, bis die Stoffbinden in die Wäsche kommen.

Santa: Wie waschen und reinigen sich Mehrfachbinden und Menstruationstassen ganz konkret?

Menstassen werden, wenn sie voll sind, einfach in die Toilette oder das Waschbecken ausgeleert. Danach werden sie mit kaltem Wasser ausgewaschen. Wer dazu Seife benutzen möchte, sollte ein mildes, ph-neutrales Mittel wählen, um Hautirritationen zu vermeiden. Für unterwegs eignen sich praktische Feuchttücher. Danach kann die Lunette wieder eingesetzt werden.
Am Ende der Menstruation kann die Tasse ausführlicher gereinigt werden, zum Beispiel durch Auskochen in einem Topf mit reichlich Wasser. Danach sollte sie luftzugänglich im beigepackten Aufbewahrungsbeutel oder einem anderen Baumwollbeutel aufgehoben werden.

Kulmine Slipeinlagen und Binden sind da unkomplizierter – sie werden einfach in der normalen Wäsche gewaschen! Bunte Kulmines können bis 60°C gewaschen werden, unsere naturweißen sogar bis 90°C.
Unsere Slipeinlagen aus Peace-Silk werden am besten mit der Hand oder bis 40°C warm gewaschen – sie brauchen ein schonendes Waschmittel. Auf unserer Website haben wir ausführliche Pflegetipps gesammelt, die noch mehr ins Detail gehen.

Santa: Ist das nicht aufwändig und vielleicht etwas unhygienisch?

Meist erscheint die Handhabung vorher deutlich aufwendiger, als sie sich dann tatsächlich darstellt. Die zusätzlichen Schritte werden dann von den meisten Frauen auch gerne gemacht und einige finden es sogar schön und spannend, sich mit ihren benutzten Binden oder dem Inhalt der Menstasse zu beschäftigen. Unhygienisch ist all das nicht, da ja Tässchen wie auch Binden entsprechend gereinigt werden. Tatsächlich stinkt frisches, gesundes Mensblut auch nicht – selbst wenn es uns bei konventionellen Produkten oft so erscheint. Dass es uns unhygienisch vorkommt, entspringt mehr dem Tabu, als Tatsachen.

 

Santa: Uns hast du überzeugt. Welche Handhabungstipps hast du für interessierte Leserinnen, um uns die Scheu zu nehmen?

Frau kann sich schon vor dem ersten Kauf annähern – einfach indem sie all unsere wunderbaren Erfahrungsberichte und die FaQ liest! Am einfachsten ist es für den Anfang, alle neuen Produkte erstmal in Ruhe zu Hause zu nutzen und sich überhaupt viel Zeit dafür zu nehmen.

 

Santa: Nun zu einem anderen Thema, wenn wir schon bei Tabus sind. Wie bei Windelfrei gibt es den Begriff der freien Menstruation. Wie kann man oder frau sich das vorstellen?

Frauen, die komplett frei menstruieren, verzichten auf alle Mensprodukte. Teilweise bedeutet das, dass das Blut einfach so frei fließt. Andere Frauen bluten in Phasen, sie gehen dann aufs Klo, wenn sie spüren, dass gleich wieder Blut kommt. Frauen, die einen Mittelweg gehen wollen, nutzen dazu gerne eine Stoffbinde oder Stoffslipeinlage und wechseln diese dann einfach.
Ich finde das freie Menstruieren aber nicht so entscheidend.
Es kann individuell sehr wohl einen Unterschied machen, ob frau den freien Blutfluss mechanisch unterbricht oder das Blut fließen lässt – ob in eine Binde, die Toilette oder in die Erde ist nicht so entscheidend. Frauen, die starke Blutungen haben, werden vermutlich nicht wirklich alltagstauglich frei menstruieren können.
Ich finde es wichtiger, die Blutung überhaupt annehmen zu können, den Beckenboden zu stärken und entspannen zu können sowie Fachfrau für die eigenen weiblichen Organe und den Zyklus zu sein.
Frauen, die das freie Menstruieren testen wollen, können sich Zeit nehmen – bei manchen wird es klappen, wenn sie Aufmerksamkeit und Ruhe haben, bei anderen nicht. Das hat mehr mit der individuellen Menstruation zu tun, als mit Fähigkeiten. Noch dazu sind die Anleitungen, die es dazu im Netz gibt, oft schwer nachzuvollziehen, solange man nicht selbst ein bisschen damit experimentiert.

Kulmine verkauft als einziges Unternehmen Stofftaschentücher aus ökologischer Baumwolle. Außerdem haben wir einen ganzen Bereich mit Edeltüchern. Hierfür nutzen wir die gleichen Stoffe, wie für unsere Kulmines, aber sie werden im Haushalt (unschlagbar gegen Staub) und in der Körperpflege (z. B. um Schminke zu entfernen) genutzt. Und dann gibt es noch den Bereich Allerlei, für den wir noch dieses Jahr ein paar Überraschungen vorbereiten. Zudem bieten wir Seminare und Beratungen für Frauen an.

Zeitgleich zur Veröffentlichung des Interviews fand auf der Website von Finding Sustainia eine Auktion mit Kulmine und anderen nachhaltigen Produkten statt, deren Erlöse Füchtlingen zugute kommen.

 

 

 

Viele Wege führen zu alternativen Produkten

Ein Interview mit Iris von Krachbumm – inklusive Tipps gegen Regelbeschwerden | November 2015

Iris: Als ich die Regel bekommen hab, und bei meinen Freundinnen war das ähnlich, habe ich gar nichts über alternative Produkte zu Wegwerfbinden und Tampons gewusst. Wie kommen denn Frauen zu euch, wie werden sie auf euch aufmerksam?

Wir sind ja schon über 20 Jahre mit der Herstellung und dem Verkauf alternativer Menstruationsprodukte beschäftigt. Zu Beginn hatten wir uns auf die ökologisch interessierten Frauen ausgerichtet, doch dort herrschte das Tabu um die Menses genau wie überall anders auch. Und es gab das öffentlich zugängliche Internet noch nicht.
Wir haben schon von Beginn an Printwerbung und Pressearbeit zielgerichtet auf GynäkologInnen und Hebammen gemacht, dass macht sich nun immer mehr bemerkbar. Sehr viel ist aber natürlich durch soziale Netzwerke in Bewegung gekommen, besonders hier werden die Frauen aufmerksam auf Alternativen und können von den direkten Erfahrungsberichten profitieren. Denn oft ist es zuerst einmal so, dass man im eigenen Umfeld entweder niemanden kennt, die Alternativen nutzt, oder nicht darüber geredet wird, wer welche Produkte bevorzugt. Wenn sie aber fündig geworden sind, sind viele Frauen dann aber so glücklich, dass sie selbst die Informationen direkt an Freundinnen und Familie weiter geben. Für das Internet als Austauschmöglichkeit über alternative Menstruationsprodukte kann man allen voran wahrscheinlich das NFP Forum nennen, aber auch die Outdoor- oder Weltreise-Communities.

„Wir haben die allerersten, damals noch DIE VIVAS Stoffbinden, an zwei weltreisende Niederländerinnen verkauft. Auch in Festivalszenen begegnen wir Cups und waschbaren Slipeinlagen.“

Sidenote: Auch Katja hat ihre erste Menstruationstasse bei Recherchen für die Weltreise im Globetrotter-Katalog entdeckt.

Durch den persönlichen Kontakt mit unseren Kundinnen wissen wir, dass viele erst dann nach Alternativen suchen, wenn sie die konventionellen Wegwerfprodukte nicht mehr vertragen, weil sie damit andauernden Juckreiz, vermehrt Pilze und Ähnliches bekommen. Nachdem wir viele Jahre als Pionierinnen in Deutschland alleine damit beschäftigt waren, über alternative Menstruationsprodukteprodukte den weiblichen Zyklus inklusive Schleim und Blut gesellschaftsfähigzu machen, freuen wir uns, dass es nun vermehrt aufklärende Arbeit wie die von Erdbeerwoche gibt und dass auch die Frauen von Lunette viel bewegen.

 

Iris: In meinem Umfeld sind in letzter Zeit ganz viele Frauen auf nachhaltigere Produkte, wie etwa Stoffbinden oder Menstruationskappen, umgestiegen. Allerdings gab es da eine Menge anfänglicher Bedenken, etwa zur Waschbarkeit von Stoffbinden, aber auch Menstruationskappen so einzusetzen, dass sie dicht sind, ist anfänglich eine Herausforderung. Was sollten Frauen wissen um beruhigt herangehen zu können?

Ja, aus der Nachhaltigkeitsbewegung kommt neuerdings eine weitere große Gruppe unserer Kundinnen. Es helfen verschiedene Ansätze, damit sich die anfänglichen Bedenken schnell in Luft auflösen. Einmal empfehlen wir, in den über 200 Erfahrungsberichten unseren Kundinnen zu lesen, denn am Ende sind die Bedenken bei den meisten Frauen sehr ähnlich – und genauso ähnlich sind die Erfahrungen damit, dass sie eben meist nicht eintreffen.
Dann ist eine weitere Empfehlung, sich tatsächlich Zeit und Raum zum Kennenlernen der neuen Produkte zu geben. Es spricht absolut gar nichts dagegen erstmal alles nur zuhause zu testen und sich damit vertraut zu machen. Am Ende ist es, wie bei so vielen Themen (so zum Beispiel häufig beim ersten Tampon), auch eine Sache der Übung – wie setze ich die Lunette oder ein Schwämmchen schnell und bequem ein, wo in der Unterhose brauche ich meine Kulmine, damit sie sich am besten anfühlt. Und natürlich die Frage, wie oft die Menstruationsartikel gewechselt werden, damit man sich wohl fühlt.
Auf unseren Informationsseiten finden sich dazu noch viele detaillierte Erklärungen.

Iris: Um sich gut für Kulmine entscheiden zu können, ist es wichtig seinen Zyklus zu kennen. Ihr schreibt ja auch selbst auf eurer Website, dass das „Blutungsmuster“ wichtig ist. Ich kann mir vorstellen, dass das oft ganz wenig selbst beobachtet wird. Wie erlebt ihr das, gibt’s bereits viel Achtsamkeit mit dem eigenen Körper und Zyklus?

Zu der dieser Art von Achtsamkeit zu kommen, ist ein Prozess. Immer noch gibt es viele Menschen, die weder Aufmerksamkeit für ihren Körper noch für den Zyklus haben. Dann gibt es immer mehr, die zwar auf ihren Körper achten, zum Beispiel Sport oder Yoga betreiben, sich gesund ernähren, aber bei denen der Einfluss des Zyklus auf Körper und Wohlbefinden eine Art blinder Fleck bildet.
Gleichzeitig wächst die Gruppe derjenigen, die an den Gesamtzusammenhängen zwischen dem weiblichen Zyklus, Körper und Psyche, Fruchtbarkeit und natürlicher Familienplanung interessiert sind und sich kundig machen. Das Internet ist hier besonders hilfreich, um ähnlich Interessierte zusammenzubringen und um an die nicht gängigen Informationen zu kommen.
Auch der Kauf von Kulmine-Produkten und anderen alternativen Menstruationsprodukten, kann der Start zu so einem Prozess sein. Es ist zwar praktisch, das eigene Blutungsmuster vor dem Kauf schon zu kennen, aber gar kein Problem es gemeinsam mit den ersten alternativen Produkten zu entdecken! Manchmal finden Frauen dieses neue Körpergefühl so spannend, dass sie dann im Internet nach mehr Informationen suchen.

 

Iris: In letzter Zeit beobachte ich, dass das Tabu um die Sichtbarkeit von Regelblut immer mehr in Frage gestellt wird, vor allem in Sozialen Medien. Rupi Kaur etwa, die ein Bild von sich selbst, abgewandt im Bett liegend, mit sichtbarem Blutfleck, gepostet hat und gleich mal zensiert wurde. Oder Loulle Denor, die die blutige Menstruationstasse samt blutigen Fingern zeigte und dafür Todesdrohungen bekommen hat.

Es scheint immer noch schwierig zu sein wirklich offen mit der eigenen Menstruation umzugehen. Was denkt ihr dazu?

Ja, mit dem Erkennen der Auswirkungen des Tabus um die Sichtbarkeit und der Mens überhaupt hat bei Petra, die Kulmine gegründet hat, das Interesse an den Zusammenhängen begonnen. Sie leitet seit 30 Jahren Seminare für Frauen und arbeitet dort unter anderem zum Thema „Durchbluten in der Öffentlichkeit“.
Dass Durchbluten so angst- und schambesetzt ist, war einer der hauptsächlichen Gründe für Petra, natürliche Mensprodukte herzustellen, zu vertreiben und Informationen zu verbreiten und im Rahmen dessen zu einem natürlichen und entspannten Zugang zum weiblichen Zyklus einzuladen.
Dass Menstruationsblut immer noch so stark tabuisiert ist, hängt auch mit immer noch unfreier Sexualität zusammen. Es gibt wohl eine Pseudo-Offenheit, aber viel zu selten wirkliche Intimität mit sich selbst oder gar untereinander. Dass ein völlig natürliches Foto wie das von Rupi Kaur, so viel mehr Aufruhr erzeugen kann als Fotos, die Pornografie oder gar Gewalt zeigen, ist ein deutliches Zeichen.
Und doch gibt es heutzutage viele Frauen, die sich Rupis Foto ganz neutral oder sogar erfreut anschauen können. Einer Petras Söhne, aufgewachsen mit dem Thema Menstruation, wie konnte es anders sein, hat das Foto auf seiner facebook-Seite veröffentlicht.

 

Iris: Ich find's immer spannend wie darüber gesprochen wird, dass in anderen (möglichst ferneren) Ländern Menstruation so feindlich betrachtet wird, etwa in Indien, wo Mädchen deshalb die Schule verlassen, aber die Feindlichkeiten innerhalb der eigenen Gesellschaft ganz wenig thematisiert werden. Wenn Frauen wütend oder traurig sind, darf ihnen gleich mal PMS zugeschrieben werden und sichtbares Blut, wie etwa bei Kiran Gandhi, die es bei ihrem Marathonlauf auch einfach laufen ließ, gilt als eklig. Wie kann damit umgegangen werden?

Ja genau! Diese Art des internationalen Vergleichs verschleiert nur das auch in Europa herrschende Tabu. Produktive Strategien zu entwickeln, war von Anfang an Kulmines Anliegen. Sich offen in der realen Welt und im Internet mit dem Thema zu beschäftigen, so wie du es mit diesen Interviews machst, ist eine davon. Weitere, mit denen wir gute Erfahrungen gemacht haben:

-› Sich offen und liebevoll mit Cups, Stoffbinden und dem Menstruationsblut zu beschäftigen, ist mit Sicherheit eine Herangehensweise mit positiven Auswirkungen. Es kann dadurch zu Einsichten über die Schönheit des Menstruationsblutes kommen: es aus dem Cup auszuleeren und die kräftige, rote Farbe ins weiße Waschbecken laufen zu sehen. Die Bilder aus Blut in Stoffbinden bewundern, sie im Waschbecken auswaschen, dabei das Blut wirklich berühren, statt alles verschämt in den Mülleimer zu werfen – all das fördert einen neuen, wertschätzenden Umgang mit der Menses.
-› Slipeinlagen und Binden aus edlen, ökologisch hochwertigen Stoffen zu nutzen, kann dabei unterstützen, sich wohlig und geschützt zu fühlen in der eigenen Weiblichkeit.
-› Die Einlagen fröhlich auf der Wäscheleine wehen zu lassen ist ein sichtbares Statement für alle MitbewohnerInnen. Der weibliche Zyklus wird sichtbar!
-› Die Auseinandersetzung mit der weiblichen Linie der Familie und ihrem Umgang mit Weiblichkeit und den Mondtagen kann mit unstimmigen Vorstellungen und persönlichen Tabus aufräumen und Verständnis für die persönliche Geschichte und Haltung zu den Mondtagen entstehen lassen. Ebenso ist die Haltung der Männer zu betrachten, die das Klima mitgeprägt haben. Persönliche Tabus kann jede für sich leichter selbst klären, als große gesellschaftliche – da geht es dann nur gemeinsam mit vielen Anderen.
-› Sich zu verdeutlichen, dass der Zyklus uns viele Vorteile gibt, wie zum Beispiel das Auf und Ab der Hormone, unterstützt uns unter anderem dabei, mit den Auf und Abs in der Welt umgehen zu können. Alles ist im Fluss! Manche Frauen finden es hier hilfreich, eine Weile Zyklusbeobachtung zu betreiben.

Insbesondere die letzten beiden Punkte und auch einiges, was wir später noch erwähnen, können Frauen mit Petra in Seminaren oder Einzel-Sessions erfahren. Langfristig betrachtet haben viele der Teilnehmerinnen weniger Schmerzen vor und während der Menstruation und auch PMS in Form von psychischen Spannungen wird wesentlich schwächer und seltener. Sie lernen sich besser kennen und stehen zu ihren Bedürfnissen – den ganzen Zyklus über. Bei diesem Thema verbindet sich Petras heilerische Tätigkeit, mit ihrem politischen Engagement und mit Kulmine. Wegen dieser Breite der Erfahrungen, kommen immer mehr Frauen und einige Männer zu Kulmine die genau das schätzen, miterleben und zu „Kulminethemen“ arbeiten wollen.

 

Iris: Viele Frauen haben ja wirklich starke Beschwerden vor oder während ihrer Periode. Kennt ihr als Expertinnen da irgendwelche Geheimtipps?

Neben dem Abklären medizinischer Ursachen ist das Verständnis des eigenen Zyklus wichtig. Ebenso bedeutsam erscheint uns die „Eroberung“ unseres Beckens – das Hinpüren, das Wahrnehmen, das sich damit Beschäftigen – mit der Vulvina*, der Gebärmutter und den anderen weiblichen Organen. Auch das erwähnte Auflösen des Menstruationstabus, zumindest im persönlichen Rahmen, löst enorm viel Spannung.

„Generell gilt: Je selbst-bewusster eine Frau ihre Bedürfnisse kennt und lebt, um so weniger zusätzliche Spannungen treten auf.“

Natürlich gibt es aber auch eine Reihe von Tipps, die getestet werden können! Und auch hier gilt wieder: Werden zyklusbedingte Schmerzen und/oder Blutungen zu stark oder Stimmungsschwankungen zu groß, ist das Abklären der Ursachen wichtig!

-› Tatsächlich ist ein wichtiger Tipp, die Nutzung von konventionellen Mensprodukten, allen voran Tampons, zu hinterfragen. Viele Kundinnen berichten, dass allein der Wechsel zu Kulmine, Lunette oder Schwämmchen ihnen schon viel Erleichterung gebracht hat.
-› Manchmal fehlt dem Körper einfach ein bisschen Magnesium während der Mens – denn da leistet immerhin die Gebärmutter Schwerstarbeit! Es sollte schon einige Zeit im Vorfeld regelmäßig zugeführt werden.
-› Vitamin B und Vitamin D – langfristig eingenommen – können gerade die psychischen und körperlichen Beschwerden lindern. Hier ist es jedoch wichtig, mit Hilfe einer Blutuntersuchung, die individuell richtige Dosierung zu finden!
-› Wenn sich eine Frau entscheidet Schmerzmittel zu nehmen, lohnt es sich, diese vor Einsetzen der schlimmsten Schmerzen zu nehmen, so können die Inhaltsstoffe besser wirken und gegebenenfalls niedriger dosiert werden. Auch machen viele Frauen gute Erfahrungen mit speziellen Frauenschmerzmitteln.
-› Eine Behandlung bei einer guten Ärztin oder Arzt der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) kann grade bei Menstruationsproblemen lohnenswert sein.
-› Unerkannte Lebensmittelunverträglichkeiten können Mensschmerzen verstärken und auch schlechte Laune sowie Stressgefühle werden dann stärker erlebt, allen voran ist hier die Histaminintoleranz zu nennen.
-› Achte darauf, dass die Füße immer warm sind. Manchmal hilft die Wärmflasche auf dem Bauch nicht, weil die Füße kalt bleiben!
-› Orgasmen, erlebt in der Partnerschaft oder bei Selbstbefriedigung sind ein „heißer" Tipp – denn dadurch durchfluten Endorphine den Körper, was das Schmerzempfinden mindert und die lustvoll erlebten Kontraktionen können die Krämpfe lindern.
-› Überhaupt sich zu bewegen, tut manchmal einfach gut. Auf Beckenboden ausgerichtete Bewegungen sind zum Beispiel Bauchtanz oder Yoga speziell für die weiblichen Organe. Aber auch die Bewegung in der Natur oder zuhause eine kleine Tanzpause einlegen, kann sehr entspannend wirken.
-› In Kulmine-Seminaren werden einfache Übungen und Bewegungsarten vermittelt, die Spannungen im Körper lösen und Schmerzen lindern können. Ein dort vermittelter, sinnlicher Zugang zu den weiblichen Organen und dem Beckenboden wirkt sich lindernd auf PMS aus.

Um noch einmal auf die erwähnten Bedürfnisse einzugehen: Manche Frauen machen die Erfahrung, dass sich der Lebenswandel während des Zyklus stark auf das Erleben der Menstruation auswirkt. Zum Beispiel, dass viel Stress zu vermehrten Beschwerden führen kann.

„Es ist deshalb für viele Frauen hilfreich zu wissen, was sie in welchen Phasen des Zyklus brauchen – wann Ruhe, wann Bewegung, wann Kontakt, wann Alleinsein oder auch, welches Essen zu welcher Zeit den Fluss der Menstruation erleichtert.“

Das alles ist individuell verschieden aber gleichzeitig so alltagsbezogen, dass hier jede Frau ganz einfach selbst beobachten kann.
Unter diesem Aspekt können besonders diejenigen Frauen, die unter scheinbar zyklusbedingten Stimmungsschwankungen leiden, schauen, ob sie ihr Leben noch kreativer, ruhiger, lebendiger authentischer leben können. Auch hier kann ein Kulmine-Seminar oder eine Session mit Petra wertvolle Impulse geben.
Wir freuen uns, dass wir mit dem Interview die Möglichkeit bekommen haben, etwas mehr über unser Verständnis von Menstruation und Weiblichkeit zu erzählen. Vieles davon wird immer wieder in und zwischen den Zeilen der zahlreichen Kundinnen-Berichten bestätigt.
Auch persönliche Erfahrungen bestärken uns immer wieder in unserer Arbeit, wie die Begebenheit mit einer Frau im Schwimmbad, die wir zum Abschluss erzählen möchten: Ihr lief ihr Menstruationsblut an den Beinen entlang. Da sie von einer von uns entspannt und natürlich darauf hingewiesen wurde, konnte sie ganz ruhig bleiben und die Bademeisterin nahm ihr ebenso entspannt das Reinigen der Bodenfliesen ab. Das war ein schönes, zukunftsweisendes Erlebnis.

Vielen Dank für die tollen Antworten!!

Auf der Website von Krachbumm findet sich noch eine tolle ausführliche Linkliste und viele begeisterte Kommentare.